Neue Arbeitswelten praktisch umsetzen: Ein Baukasten gibt Gemeinden und Unternehmen Orientierung

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Das Verständnis von Arbeit verändert sich grundlegend, und damit auch die Arbeitswelt selbst. Nicht nur Unternehmen, auch Gemeindeverwaltungen müssen sich neuen Herausforderungen rund um ihre Arbeitsgestaltung stellen. Im Projekt «Neue Arbeitswelten in Gemeinden und kleinen Unternehmen» unter der Co-Projektleitung der REGIO Appenzell AR-St.Gallen-Bodensee und des Instituts für Diversität und neue Arbeitswelten iDNA von der OST – Ostschweizer Fachhochschule wurde gemeinsam mit zwölf teilnehmenden Gemeinden und Unternehmen ein Baukasten erarbeitet, der die Erfahrungen bündelt und die Auseinandersetzung mit den «neuen Arbeitswelten» vereinfacht. Vergangene Woche fand in St.Gallen die Abschlussveranstaltung statt. Das Projekt wurde durch die Neue Regionalpolitik des Bundes (NRP) von den Kantonen St.Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Thurgau gefördert.

Der Fach- und Arbeitskräftemangel trifft Unternehmen und macht auch vor den Gemeindeverwaltungen nicht halt. In den Bereichen Arbeitsmodelle, Zusammenarbeit, Arbeitskultur oder Führung stellen sich Unternehmen wie auch Gemeindeverwaltungen zahlreiche Fragen. Die Bandbreite an möglichen Themen reicht dabei von flexibleren Arbeitszeiten über innovative Zusammenarbeitsformen bis zu räumlichen Veränderungen, die als kleine Puzzlesteinchen einen Beitrag zur Stärkung der Arbeitgeberattraktivität der betroffenen Gemeinden und Unternehmen leisten. Der Schritt zu einer aktiven Auseinandersetzung fällt aber oft schwer oder kommt gar nicht zustande; die vermeintliche Komplexität schreckt ab – oder es fehlt schlicht an Ressourcen.
Hier setzte vor zwei Jahren das NRP-Projekt «Neue Arbeitswelten in Gemeinden und kleinen Unternehmen» an: zwölf Gemeinden und Unternehmen haben sich als Pilotorganisationen nach einer individuellen Analyse intensiv mit den Neuen Arbeitswelten auseinandergesetzt und ganz unterschiedliche Pfade und Umsetzungen angepackt. Nun steht das Projekt vor dem Abschluss, die Erkenntnisse und Erfahrungen sollen über diese Laufzeit hinaus eine Wirkung entfalten.

Erkenntnisse, Umwege und viel Motivation für die Zukunft: Veranstaltung zum Projektabschluss

Im Rahmen der Abschlussveranstaltung zeigten zwei Unternehmen und zwei Gemeinden, die am Projekt teilgenommen haben, welchen Herausforderungen sie sich gestellt haben. Die Auseinandersetzung mit New Work-Themen erfordere vor allem Offenheit: «Die mutige Vision eines offenen, vielfältigen Gemeindehauses treibt uns an. Wir sind gemeinsam als Team unterwegs – im Wissen darum, dass wir kleine Schritte machen und auch Umwege in Kauf nehmen müssen», sagt Andreas Baumann, Gemeindepräsident Degersheim. Andere Öffnungszeiten so wie Partnerschaften mit lokalen Geschäften sind zwei Bereiche, die die Gemeinde aktuell verfolgt.

Die Gemeinde Hefenhofen plant den Bau eines neuen Gemeindehauses: «Wir standen vor der Frage, wie wird man künftig auf einer Gemeinde arbeiten? Wir haben in einem partizipativen Vorgehen nun einen stimmigen Plan, wie Räume sich modular nutzen lassen: für vertrauliche Termine aber auch für eine offene Zusammenarbeitskultur», erläutert Gemeindepräsident Thomas Schnyder.

«Das Thema Zusammenarbeit bleibt aktuell und unsere Prozesse sind in einer stetigen Entwicklung; da bleiben wir dran. Das Projekt hat mir die Augen geöffnet, was New Work alles sein kann und wo man überall anknüpfen kann» fasst Andrea Trunz von der Stiftung Förderraum ihre Erkenntnisse aus dem Projekt zusammen.

Auch die smartive AG war Teil des Projekts; die Software- und Webentwickler leben flache Hierarchien mit hohem Selbstorganisationsgrad. Benjamin Brossi war im Projekt sehr aktiv: «Wir haben uns intensiv mit unserer Feedback-Kultur auseinandergesetzt: Wir reden nämlich viel zu wenig über Dinge, die ‘klemmen’. Jetzt haben wir Gefässe und Werkzeuge gefunden, um Feedback in einem gewissen Grad zu forcieren. Denn nur so können wir voneinander lernen und uns als Organisation weiterentwickeln.»

Vielfältige Steine des Anstosses: Der «New Work Baukasten» lädt zum Ausprobieren ein

Begleitet durch Expertinnen der OST ging es in den teilnehmenden Gemeinden und Unternehmen von Anfang an darum, einen individuellen Ansatz zu finden für Entwicklungen und Veränderungen. «Unabhängig von Branche oder Organisationsform ist eine Grundhaltung zentral, sich überhaupt mit der eigenen Zukunft in der Arbeitswelt auseinanderzusetzen und Veränderungen gegenüber offen zu sein. Diese Haltung haben wir in allen teilnehmenden Organisationen verspürt und sehen, wie sich überall Entwicklungen ergeben haben, die sie nun selbständig weiterverfolgen können», zieht Alexandra Cloots, Co-Projektleiterin und Leiterin des iDNA Bilanz.

Die intensive Beschäftigung mit der Zukunft der Arbeit manifestiert sich nun im «New Work Baukasten»: einem Baukasten mit bunten Holzklötzen und zugehörigen Reflexions- und Methodenkarten. Die Holzklötze nennen zentrale Themen der neuen Arbeitswelten, u.a. Arbeitskultur, New Leadership, Digitalisierung & Technologie oder Sinn & Wirkung. Die Reflexions- und Methodenkarten unterstützen beim Einstieg ins gewählte Thema; sei es als Blitzlicht in einem Teammeeting oder für eine längere Vertiefung.

«Der Baukasten richtet sich insbesondere an Gemeinden und kleinere Organisationen, die konkrete Fragen zu Führung, Zusammenarbeit und Organisation in ihrem Alltag bearbeiten möchten. Er ist kein fertiges Instrument, sondern bietet Orientierung und Reflexion. In einer Arbeitswelt, die oft von schnellen Lösungen geprägt ist, hilft er Organisationen, ihre Themen zu gewichten und passende Wege für ihre Situation zu entwickeln», präzisiert Cloots.

«Es war uns ein Anliegen, die Ergebnisse aus dem Projekt nicht bloss auf eine Webseite zu stellen – wo sie schnell in Vergessenheit geraten. Mit dem haptischen Baukasten haben wir eine Möglichkeit geschaffen, sich jederzeit, niederschwellig und durchaus spielerisch mit New Work-Themen auseinanderzusetzen: es sind eigentliche ‘Steine des Anstosses’ für den Arbeitsalltag», begründet Doro Anderegg, Co-Projektleiterin seitens REGIO, die gemeinsame Entscheidung der Trägerschaft für diesen etwas aufwändigeren Schritt.

Anknüpfungspunkte für eine weitere Auseinandersetzung mit den Neuen Arbeitswelten 

Der New Work Baukasten bündelt die Erkenntnisse aus dem NRP-Projekt und macht sie über die Laufzeit hinaus nutzbar. Er ist ein Werkzeug zum Anfassen und vereinfacht es, Themen der neuen Arbeitswelt im Alltag präsent zu halten.

In einem Praxiszirkel, der noch im laufenden Jahr pilotiert wird, können konkrete Fragen und Spannungen aus dem Arbeitsalltag bearbeitet werden. Die Teilnehmenden erhalten einen vollständigen Baukasten, der als Arbeits- und Orientierungsinstrument im Rahmen des Praxiszirkels dient.

Projektbeschrieb, mehr Bilder und Eindrücke: auf unserer Projektseite «Neue Arbeitswelten für Gemeinden und kleine Unternehmen»

Für Projektergebnisse oder bei Interesse am Baukasten: «Neue Arbeitswelten umsetzen: Projektergebnisse, Erfahrungen und Ausblick».